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Forderung zweier Schweden

Berlin statt Bier

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#Bildung, #Ehrenamt, #Sharing, #Tauschen, #Teilen, #Berlin, #Give something back to Berlin, #Expats, #Gentrifizierung

Foto: Give something back to Berlin

Zuzügler aus aller Welt genießen billige Mieten, coole Clubs und kreative Freiheit in Berlin. Nun sollen sie der Stadt etwas zurückgeben, fordern zwei Schweden.

Die Geschichte beginnt bei einem Bier. Vor einem Jahr saßen Annamaria Olsson und Anders Ivarsson wie so oft mit ein paar Freunden zusammen und diskutierten. Über die Gentrifizierung, über den Touristenhass in Berlin und darüber, dass ihnen, den internationalen Zuzüglern, oft die Schuld an den steigenden Mieten gegeben wird. Dass man dagegen etwas tun müsse, hieß es dann, wie so oft. Nicken. Noch mehr Bier. Und dann reichte es Annamaria und ihrem Freund. Die Journalistin und der Übersetzer aus Schweden posteten einen Brief auf ihrem Blog – einen Aufruf an die Expat-Community in Berlin:

„Du profitierst von den billigen Mieten, deiner multikulturellen Nachbarschaft und der dynamischen Kunstszene. Du liebst die Samstage in den Galerien/Cafés/Panorama Bar/Mauerpark, billige Imbisse und fancy Restaurants. (...) Was Du am meisten schätzt, ist die Freiheit, die Du in Deiner langweiligen Heimatstadt immer vermisst hast. In Berlin kannst Du Gedichte schreiben, Musik machen, rund um die Uhr tanzen, mit Fremden vögeln, Deine eigene Firma aufmachen, Klamotten designen, Dich Goethe/Humboldt/Hegel nahe fühlen, weniger arbeiten oder machen, was Deiner Vorstellung von einem guten Leben entsprechen mag. Es gibt nur ein Problem mit dieser Freiheit: sie gilt nicht für alle Berliner. In Vierteln wie Kreuzberg und Neukölln, die Du sooo relaxed, cool und günstig findest, bekommen Kinder eine viel schlechtere Ausbildung als in den ‚langweiligen gentrifizierten Stadtteilen’, in denen Du nie leben wolltest und wo sie sich niemals eine Wohnung leisten könnten.“

Viele dieser Migranten, so weiter, könnten kaum Deutsch und hätten keinen Kontakt zu der deutschen Gesellschaft. Genau wie die Expats – nur, dass diese nicht gezwungen würden, sich zu integrieren. „Bis jetzt“.

Anstatt immer nur mit Freunden zusammenzuhocken und Bier zu trinken, forderten Annamaria und Anders, sollten die Expats ein paar Stunden freiwillige Arbeit leisten – „Jeder, der all die guten Seiten von Berlin genießt, zahlt der Gemeinschaft etwas zurück“.

Am nächsten Morgen war Annamarias Postfach voll. Über Nacht hatte sich der Aufruf über alle sozialen Netzwerke gestreut, Hunderte Mails mit Anfragen, wie und wo man sich engagieren könne, liefen bei den beiden Schweden ein. „Mit einem solchen Ansturm hatten wir nicht gerechnet“, sagt Annamaria. „Nun mussten wir uns etwas überlegen.“

Dabei herausgekommen ist das Projekt „Give something back to Berlin“. Auf der gleichnamigen Internetseite können Interessierte Anzeigen posten: Vereine und Initiativen, die Hilfe suchen – und Wahlberliner, die ihre Talente anbieten. Annamaria und Anders bringen beide Seiten zusammen. Eine Italienerin, die Yoga-Kurse für obdachlose Frauen gibt. Junge internationale Designer, die Flüchtlingen das Nähen beibringen und alte Klamotten aus der Caritas-Kleiderkammer neu gestalten. Ein Student aus Russland, der Mädchen aus Neukölln lehrt, Lenkdrachen zu fliegen. Regisseure und Kameramänner, die Kindern helfen, eigene Lehrfilme für Mitschüler zu drehen. Bands, die im Flüchtlingslager Musikunterricht geben.

„Wir helfen den Expats, aus ihrer Blase herauszukommen und ihren Kiez besser kennenzulernen“, sagt Annamaria. „Und die Kieze profitieren von dem Know-How der Expats“, ergänzt Anders. 

Jeden Donnerstag trifft sich das Team von „Give something back to Berlin“ in einem Kreuzberger Café, um Angebot und Nachfrage zu koordinieren. Die Seite ist gefragt, viele Zugezogene wollen sich engagieren. Es melden sich mehr Helfer als Hilfesuchende. Annamaria und Anders haben inzwischen Unterstützung bekommen: Zwei deutsche Freunde helfen ihnen, neue Organisationen für das Projekt anzusprechen. Mit ihren Macs am Cafétisch im Szenekiez sehen die Freiberufler aus wie typische Berliner Hipster – vielleicht fällt es ihnen deswegen so leicht, Freiwillige zu gewinnen. Ihre Seite ist cool designt, zu jedem Hilfsprojekt gibt es eine Geschichte, ein Facebook-Profil haben sie selbstverständlich auch. Angebote heißen hier „givings“ – den Begriff „Ehrenamt“ findet das Team altbacken.

Und auch nicht passend. Immer wieder fragten Vereine an, ob jemand Nudelsalat für das Sommerfest machen könne oder Boxen für eine Aufführung installieren. Klassische ehrenamtliche Tätigkeiten eben. Aber dann lehnt das Team freundlich ab. „Unsere Freiwilligen sind hochqualifizierte, mehrsprachige Webdesigner, Künstler, Designer“, erklärt Annamaria. „Dieses Potenzial soll auch genutzt werden.“ Expats seien es gewohnt, ihre Fähigkeiten zu vernetzen, ihr Talent untereinander zu tauschen. Der Webdesigner gestaltet dem Journalisten die Homepage, dafür textet dieser ihm die Werbeflyer. „Diesen Gedanken des „Sharing“ wollen wir von der Expat-Community auf die ganze Stadt ausdehnen.“

Ohne jedoch dabei Arbeitsplätze zu gefährden oder sich ausbeuten zu lassen. Neulich fragte ein Verein, der Lernpaten an Schulen mit hohem Migrantenanteil vermittelt, an, ob die Expats einen Webdesigner hätten, der ihnen eine Homepage anlegen kann. Das Team von „Give something back to Berlin“ hatte eine andere Idee: Ihre Webspezialisten boten stattdessen Seminare an, in dem die Paten und Schüler lernten, selbst eine Homepage anzulegen. 

Annamarias Postfach ist nach wie vor überfüllt; einige Angebote von Expats schafft sie gar nicht erst, näher zu prüfen. Aus den geplanten paar Stunden Engagement ist für sie und ihren Freund ein regelrechter Zweitjob geworden. Annamaria und Anders hoffen, dass das Netzwerk sich irgendwann selbst trägt, sich Angebot und Nachfrage bald stärker aneinander anpassen. Dann hätten sie weniger Vermittlungsarbeit zu leisten – und endlich mal wieder Zeit, ein Bier trinken zu gehen.